Laudatio DelphinBuch 12

Gehalten von Harald Derschka auf der Buchvorstellung am 21. Oktober 2016 im Wolkensteinsaal des Hauses zur Katz:

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

vor gut einem Jahr kam Daniel Groß auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen könne, die Laudatio auf das neue DelphinBuch zu halten. Das habe ich als Ehre aufgefasst und sofort zugesagt, ohne das Werk zu kennen; und jetzt, wo es vor uns liegt, bestätigt es die Richtigkeit meiner damaligen spontanen Zustimmung.

 

Eine Buchvorstellung, Sie wissen das, ist unterm Strich ein ganz angenehmes Veranstaltungsformat: Wenn die langweiligen, aber unvermeidlichen Reden überstanden sind, gibt ein Buffet; und im günstigen Falle ist das Buch, um das es geht, auch einigermaßen lesenswert. Es ist ja nicht so, dass es zu wenige neue Bücher gäbe. Selbst wenn wir uns auf das überschaubare Feld der Lokalgeschichte von Konstanz und des westlichen Bodenseeraumes begeben, dann sind wir Jahr für Jahr mit mehr Neuerscheinungen konfrontiert, als ein Einzelner überhaupt mit Genuss zu lesen vermag.

 

Wenn aber ein neues DelphinBuch erscheint, dann liegt die Messlatte hoch, dann sind die Erwartungen beträchtlich, vor dem Hintergrund von elf Delphinbüchern aus drei Jahrzehnten, die auf ihrem Gebiet Maßstäbe gesetzt haben. Mit dieser Auffassung stehe ich nicht alleine; anderenfalls wären Sie heute Abend nämlich nicht hier. Die Delphinbücher leisten für Konstanz und Umgebung etwas, was andere Publikationen und Reihen nicht leisten. Sie sind in ihrer Art einzigartig. In der Vorbereitung unseres gemeinsamen Anlasses heute habe ich alle elf bislang erschienenen Delphinbücher in die Hand genommen und durchgeblättert. Das war teils eine Wiederbegegnung mit Aufsätzen und Bildern, die mich schon seit Jahren begleiten, teils kamen mir neue Anregungen entgegen. Und vielleicht habe ich verstanden, worin die Besonderheit der Delphinbücher liegt: es ist, wie mir scheint, der sorgfältige Blick für das Detail, die Tugend des, sagen wir: Ganz-genau-Hinsehens, das Wahrnehmen von Dingen, die schnell einmal übersehen sind. Wenn ich mit den Lektoren großer Verlage über Publikationsprojekte spreche, dann höre ich häufig die Anforderung, es müsse ein Überblick geboten werden, es müsse das Große und das Ganze in den Blick genommen werden. Das sind berechtigte Anliegen, die aber häufig genug auf Kosten der Präzision, des Details, des liebevollen Blicks für das Einzelne gehen – und genau dieser Zumutung leisten die Delphinbücher seit dreißig Jahren Widerstand, und drum ist es mir ein ehrliches Anliegen, heute dafür zu danken.

 

Trotzdem wurde ich zuerst einmal melancholisch, nachdem mir Frau Schlude vor drei Wochen die Unterlagen zugeschickt hatte; denn gleich die ersten beiden Beiträge des neuen DelphinBuchs handeln von einem Verlust, vom Tod von Willi Sutter. Vor etwa sieben Jahren besuchte mich Herr Sutter an meinem damaligen Arbeitsplatz. Wie er gerade auf mich gekommen war, weiß ich nicht. Jedenfalls hatte er eine Handvoll antiker Kupfermünzen dabei, die er aus Tunesien mitgebracht hatte und die ich ihm bestimmen sollte, damit er sie, wie er sagte, ordentlich beschrieben seinem Enkele weitergeben könne. Das war ein sehr schönes Gespräch mit Herrn Sutter, zumal über seine Tätigkeit als Prokurist bei Stromeyer; und ich würde den ganzen Vorgang vermutlich irgendwann vergessen haben, wenn er nicht durch das DelphinBuch jetzt wieder in Erinnerung gerufen worden wäre. Und wie ich vermute, ist am Nachruf das Enkele von damals beteiligt. Das ist bei so etwas jeweils ein Trost, zu sehen, dass es weitergeht.

 

Im nächsten Beitrag beschäftigt sich Joachim Hipp mit der Schießstatt in Ergatshausen. Dieser Beitrag illustriert schön, was ich eben mit dem „Genau-Hinsehen“ meinte. Ergatshausen ist ein Siedlungsplatz, der offensichtlich leicht übersehen wird. Die Landesarchivdirektion Baden-Württemberg veranlasste in den 1970er Jahren eine monumentale achtbändige Landesbeschreibung von Baden-Württemberg und legte in den 80er Jahren eine vierbändige Beschreibung des Landkreises Konstanz nach. Da finden Sie sonst jede verlassene Köhlerhütte dokumentiert, aber Ergatshausen fehlt beide Male. Es braucht also das DelphinBuch, um die Ehre von Ergatshausen wieder herzustellen. Noch etwas anderes habe ich aus diesem Beitrag gelernt: In kaum mehr als einem Jahrhundert wurden die Schützen dreimal vertrieben, sooft die Stadt wuchs: Vom Döbele nach Ergatshausen, dann ins Pfeiferhölzle, zuletzt ins Frohnried. Wenn wir demnächst zur Millionenstadt aufsteigen, werden die Schützen wohl an den Mindelsee ziehen müssen.

 

Im folgenden Beitrag zählt Gernot Blechner die Konstanzer Aufenthaltsorte von Jan Hus auf. Wer, wenn nicht Gernot Blechner, möchte man fragen, und wann, wenn nicht jetzt, im Laufe des Konziljubiläums. Gernot Blechner legte ja mit seiner Identifikation der Herberge des Jan Hus vor über dreißig Jahren ein anerkanntes Meisterstück der Konstanzer Lokalhistoriographie vor und ist in einem der frühen Delphinbücher nochmals auf diese Thematik zurückgekommen. Jetzt kann er also aus der Fülle seiner Kenntnisse schöpfen und vervollständigt die Topographie des Jan Hus in Konstanz um das Arrestlokal in der Gerichtsgasse, erörtert die möglichen Standorte des Kerkers auf der Insel und gelangt zuletzt, keinem Geringeren als Egon Erwin Kisch folgend, in die ehemalige Schuldienerwohnung der Stephansschule. Mit diesem Aufsatz leistet das neue DelphinBuch einen substantiellen Beitrag zum Konziljubiläum, das ja zuletzt eher diffus zu werden drohte.

 

Für den nächsten Beitrag zeichnet ebenfalls ein ausgewiesener Kenner der Materie verantwortlich, nämlich Dominik Gügel mit einem Thema der jüngeren Militärgeschichte. Er fügt sich wieder zu einem aktuellen Gedenkzyklus, nämlich der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, und er schlägt die Brücke in den Thurgau, wie das in den Delphinbüchern ja seine schöne Tradition hat. Dominik Gügel spürt den Thurgauer Angehörigen des in Konstanz stationierten badischen Infanterieregiments 114 nach. Es war für mich überraschend zu lesen, dass dieses Detail der sonst ja gut erforschten schweizerischen Militärgeschichte bislang wenig Beachtung fand. Auf der Grundlage eines beeindruckend reichen Fundus an Bild- und Schriftquellen bindet Dominik Gügel die von ihm ermittelten Namen in das Kriegsgeschehen ein.

 

Ein weiteres Jahrhundert zurück und wiederum in den Thurgau führt der Beitrag von Christina Egli, der stellvertretenden Leiterin des Napoleonmuseums auf dem Arenenberg. Sie zeichnet den Weg nach, auf dem Königin Hortense im Jahr 1815 von Paris nach Konstanz gelangte. Ihre Loyalität zu Kaiser Napoleon hatte nach dessen Sturz ihren Verbleib in Frankreich unmöglich gemacht, und zwar so sehr, dass ihr nicht einmal ein Exil in Frankreichs Nähe gestattet wurde, in Genf oder in Savoyen, wohin sie sich zuerst gewandt hatte. So mutet ihr Weg nach Konstanz, auf das Territorium des ihr freundlich gesonnenen Großherzogs von Baden, respektive auf den Arenenberg, wie eine Flucht an.

 

Spiegelt sich im Schicksal der Königin Hortense die Weltpolitik ihrer Zeit, so unternimmt der folgende Beitrag Gernot Blechners wieder eine lokale Tiefenbohrung, um eine Metapher aus der Geologie zu bemühen, die hier sogar passt. Als der junge Großherzog Leopold von Baden 1830 erstmals Konstanz besuchte, veranstaltete die Stadt ihm zu Ehren ein Fest in der Nähe des Hörnles. Der Platz, an dem Leopold geweilt hatte, hieß fortan Leopoldsplatz oder Leopoldshöhe und erfreute sich als Aussichtspunkt offensichtlich einer gewissen Beliebtheit, lag er doch auf einem Drumlin, von dem aus man einen ausgezeichneten Blick auf den See hatte. Die Leopoldshöhe fiel nicht etwa einem anti-monarchistischen Bildersturm zum Opfer, sondern noch vor dem Ersten Weltkrieg ganz profan dem Kiesabbau zwischen der Douglasvilla und dem Waldhaus Jakob. Was weg ist, ist weg, es sei denn, man kann es im DelphinBuch nachlesen.

 

Im folgenden Beitrag berichtet Emil Mundhaas, bekannt als Chronist von Allmannsdorf, über die Geschichte des Eichhornwaldes. Das erfordert ein Fingerspitzengefühl, denn der Wald ist ja kein Subjekt, dessen Tun man von der Geburt bis zum Tod erzählen könnte. Emil Mundhaas zeigt, nachdem die naturräumlichen Voraussetzungen geklärt sind, welche Rolle der Eichhornwald für die Menschen spielte, die ihn nutzten, seit vorgeschichtlicher Zeit bis in unsere Tage. Die stimmungsvollen Bilder dazu weckten in mir die Erinnerung an einen Spaziergang im Hochsommer. Da lief ich naiv neben dem Bach her und machte mir keine Gedanken, wie sehr hier die Natur durch den Fleiß des Menschen geformt ist. Den Graben grub nicht der Herrgott, sondern der Reichsarbeitsdienst der 1930er Jahre. Ein überraschender Nebenaspekt des Beitrags liegt darin, dass Emil Mundhaas die Etymologie des Flurnamens „Hockgraben“ klären konnte. Wie, das dürfen Sie selber nachlesen, oder, besser noch, sich vom Autor in Allmannsdorfer Mundart erklären lassen.

 

Es folgt ein Beitrag von Daniel Groß über Wollmatinger Fasnacht, den der Autor bescheiden eine „kleine Dokumentation zur Fasnacht auf dem Land“ nennt, und deren Anfang er, nach unklaren frühneuzeitlichen Vorläufern, auf den 7. März 1886 datiert. Tatsächlich gelingt Daniel Groß keine kleine, sondern eine ganz bemerkenswert dichte Dokumentation, die er aus zeitgenössischen Zeitungsberichten gewinnt sowie den glücklicherweise erhaltenen Notizen eines der frühen Wollmatinger Fasnachter. An diesem Gerüst wird eine fast schon spektakuläre Sammlung früher Photographien angeordnet.

 

Der dritte Beitrag Gernot Blechners zum neuen DelphinBuch handelt vom südlichen Ende der Rosgartenstraße an der Einmündung zur Bodanstraße, und hier vor allem von der Modernisierung dieses Areals, die in den 1860er Jahren mit dem Abbruch des Augustinertors und der Verlegung des Schlachthofes begann. Gernot Blechner versteht es, den reichen Quellenfundus des Stadtarchivs zum sprechen zu bewegen, in diesem Falle die Bauakten, alte Photographien und Werbeanzeigen aus der zeitgenössischen Presse. Mich berühren besonders die Baupläne, seien das die präzisen Konstruktionspläne für das innere Gefüge und das Dachwerk der Häuser, seien es eher flüchtige Skizzen für die Fassadengestaltung. Sie lassen einen Willen zur Form, zur ästhetischen Durchgestaltung der Baukörper erkennen, die mir geradezu märchenhaft unwirklich erscheint, wenn ich sie mit dem kontrastiere, womit unsere Zeit diesen Bereich der Altstadt zugerichtet hat.

 

Mit Norbert Fromm schreibt sodann ein ausgewiesener Experte für die frühe Photographie; Norbert Fromm hat ja über Jahrzehnte die photographischen Schätze des Stadtarchivs erschlossen und schon viele Zimelien aus der – nicht zuletzt dank seiner Arbeit – uns allen bekannten Sammlung Wolf veröffentlicht. Im neuen DelphinBuch legt er nun eine Ergänzung nach, die zeigt, dass sich die frühe Photographie in und um Konstanz nicht mit der Wolf-Dynastie erschöpft; vielmehr hebt Norbert Fromm einen Schatz Konstanzer Photographen bzw. Konstanzer Photographien. Wie wichtig die bisherige Arbeit von Norbert Fromm und jetzt wieder dieser neue Aufsatz sind, zeigt das warnende Beispiel von Köln, wo beim Einsturz des Historischen Archivs vor sechs Jahren auch wesentliche Teile der Photo- und Glasplattensammlung verloren gingen.

 

Dann folgt nochmal Daniel Groß. Allein schon der Titel war es wert, dass dieser Beitrag geschrieben wurde „Än Anker? Awa, des isch kon Anker“. Konkret geht es um das seit dem 18. Jahrhundert nachgewiesene Wollmatinger Dorfzeichen, das im 20. Jahrhundert als Anker missverstanden wurde. Mehr noch: Daniel Groß legt eine umfassende sphragistische Bestandsaufnahme von den spätmittelalterlichen Siegeln der Wollmatinger Ammänner vor bis hin zum Wollmatinger Amtsstempel, der letztmals 1934 auf der Eingemeindungsurkunde zum Einsatz kam. Ob die Wollmatinger ihn wieder einmal aus der Schublade holen werden?

 

Der letzte Beitrag des neuen DelphinBuchs ist zugleich der umfangreichste. Rainer Meschenmoser verzeichnet darin, geradezu monographisch umfassend, die ehemaligen Ziegeleien im Landkreis Konstanz. Ziegeleien waren im 19. Jahrhundert allgegenwärtig; und weil die Ziegelei ein komplexes Gewerbe ist, das Anforderungen an die Versorgung mit Rohmaterialien und Brennstoffen stellt, war sie landschaftsprägend, auch wenn uns das oft nicht mehr bewusst ist. Im Sommer habe ich den bekannten Kunsthof in Opprechts bei Altusried im Allgäu besucht und dort mit Freude festgestellt, dass das historische Gebäude mit Ziegeln aus dem Konstanzer Falzziegelwerk eingedeckt ist. Und nebenbei noch bemerkt: Rainer Meschenmoser zeigt in seinem Beitrag zahlreiche Ausschnitte aus den Gemarkungskarten, die im 19. Jahrhundert im Zuge der Landesaufnahme durch das großherzogliche topographische Bureau erstellt wurden; sie sind Kunstwerke und Geschichtsquelle zugleich.

 

Damit bin ich mit dem neuen DelphinBuch durch und möchte noch einmal an den Anfang anknüpfen, an das „Genau-Hinsehen“: alle Beiträge, und insbesondere der zweite Teil des Bandes mit den Aufsätzen über die Wollmatinger Fasnet und das Wollmatinger Wappen, die Häuser am Ende der Bodanstraße, die frühen Photographen und die Ziegeleien, haben die Funktion eines Archivs. Da ist aus den verfügbaren Quellen heraus eine Aufräumarbeit geleistet, auf die man noch in Jahrzehnten zurückgreifen wird, wenn man eine Frage hat, die diesen Themenkreis berührt. Die Autoren hätten es sich auch einfach machen können: die schönen Bilder würden auch alleine und oberflächlich kommentiert wirken. Aber das wäre halt kein DelphinBuch. Jedem einzelnen Beitrag merkt man den Fleiß an, den es zu seiner Verwirklichung bedurfte, und die Liebe zum Gegenstand.

 

Zur Anerkennung für die Autoren muss zuletzt noch der Dank an den Verlag und die Sponsoren treten, die es ermöglicht haben, dass sich die geistige Leistung der Beiträger in so einem schönen Buch materialisieren darf. Ich freue mich sehr über das neue DelphinBuch und auf das kommende Dutzend.

 

PD Dr. Harald Derschka, FB Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz.